Der unvermeidliche Schritt zur Veränderung  - und was wir dabei von der Natur lernen können.

(Whitepaper:  Rainer Flake, Juli 2012)

Auch in der Natur scheint vieles in Phasen zu verlaufen. Von der Entstehung (Gründung) bis zum Wachstum zur Reife, ein Prozess von Fallen und Aufstehen. Und dann doch am Höhepunkt die offensichtlich unvermeidliche Notwendigkeit von Veränderung und der Übergang in einen neuen Zustand. Nehmen wir drei Beispiele (Ausführungen basierend auf Zusammenfassung bei Richard Kok u.a. (2012)).

Der dynamische Wald im Kreislauf der Zeiten

Crawford-Holling und Homer-Dixon (2006) habe es eindrucksvoll geschildert. Danach durchlaufen Wälder (als System) immer wieder einen Rhythmus von Wachstum >  Niedergang > Regeneration und > erneutes Wachstum. Am Anfang wächst die Biomasse sehr schnell, immer mehr Möglichkeiten ergeben sich und immer mehr Nischen werden besetzt. Dadurch steigt auch der Grad der Komplexität. Irgendwann ist das System Wald so optimal aufeinander eingespielt, dass alle freien Ressourcen besetzt sind. Das System hat sein Maximum erreicht. Gerade aber weil dann alles so ideal aufeinander eingespielt ist, bedarf es nur weniger externer Effekte (Feuer, Plage, Klima, etc.),  um das System aus dem Gleichgewicht zu bringen. Das System hat seine Flexibilität, seine Fähigkeit zur Selbsterhaltung durch laufenden Wandel verloren, weil es am Ende eines Zyklus kaum noch Freiheitsgrade gibt. Wenn so eine externe Störung aufgetreten ist, überleben i.d. R. nur diejenigen, die relativ unabhängig funktioniert haben, bzw. diejenigen, die von den neuen Umfeldbedingungen selbst noch  profitieren können (Regeneration). Dann gibt es plötzlich wieder erneuten Raum für alte oder neue Pflanzen und Tiere, für neue Kreativität  – eine neue Wachstumsphase steht bevor.

Ameisen und die Rettung durch ein neues Lebensumfeld

In einem Ameisen-Nest leben bekanntlich verschiedene Ameisenvarianten mit unterschiedlichen Aufgaben (Königinnen, Arbeiterinnen, Beobachterinnen/Untersucherinnen und die männlichen Ameisen, die sich auf die Befruchtung konzentrieren). Die Beobachterinnen/Untersucherinnen sind erfahrene Arbeiterinnen. Ist das Nest in Gefahr, oder ist es bereits beschädigt, gehen die Beobachterinnen/Untersucherinnenauf Expedition um eine gute und sichere Stelle für ein neues Nest zu finden. Wenn so eine Explorerin fündig geworden ist, geht sie zurück zum Nest und nimmt dort andere Ameisen „gefangen“, durch sie einzurollen und mit zu der neuen Stelle zu tragen. Finden auch diese Ameisen den neuen Platz gut, gehen sie ebenfalls zurück zum alten Nest und nehmen selbst weitere Ameisen „gefangen“. So schwillt der Strom zu der neuen Stelle langsam an und letztlich zieht der gesamte Ameisen-Staat nach Erreichen einer kritischen Masse um. Sollten jedoch nicht genügend Ameisen die „neue Stelle“ gut genug finden, laufen die „Gefangenen“ einfach zum alten Nest zurück, ohne jedoch andere zur Nest-Alternative zu bringen. So  kann es aber auch zu einer Teilung des Staates kommen.

Die wundersame Wandlung der Raupe in einen Schmetterling

Eine Raupe entwickelt, nachdem sie sich in einem Kokon eingesponnen hat, in ihrem Körper neuartige Zellen (nach Nicanor Perlas). Diese sogenannten Image-Zellen vibrieren in einer anderen Frequenz als die übrigen Zellen. Das Immunsystem erkennt diese Zellen als körperfremde Eindringlinge und will sie abwehren. Doch das Wachstum der neuen Zellen ist stärker. Schließlich bilden die neuen Zellen Aufhäufungen und übernehmen den Körper so Stück bei Stück durch Informationsaustausch und Gleichschaltung, der sich dann letztlich zu  einer neuen Gestalt wandelt. Die Raupe hat sich so von innen heraus zu etwas Neuem mit einer neuen Identifikation verändert. Der Schmetterling ist entstanden.

Was können wir an dieser Stelle von der Natur lernen?

Erstens zeigt die Funktion des Waldes, dass jeder Eingriff, ein bestehendes System länger künstlich in Stand zu halten, langfristig nicht nur vergeblich ist, sondern auch zunehmend nachteilig wirkt. Die Spannungen nehmen zu, die Antizipationsfähigkeit von natürlichem / schrittweisen Wandel läuft ständig zurück und am Ende ist der Schaden umso erheblicher.

Die Ameisen zeigen uns, dass individuelle Aktionen mit neuen Modellen und Verhaltensweisen sehr wohl sinnvoll sein können um die gesamte Gruppe in eine andere Richtung zu leiten. Der Wandel kann also sehr wohl von „unten“ kommen und bedarf sicher nicht immer einer neuen Vorgabe der Mächtigen.

Die Verwandlung der Raupe wiederum macht deutlich, dass das Immunsystem (der Mächtigen, dominierenden Meinungen / Weltbild) immer funktioniert. Doch sobald „das System“ verstanden hat, dass ein neuer Weg durchaus Sinn  macht und eine Verbesserung der bestehende Situation darstellt, relativ schnell die Seiten gewechselt werden kann.

Nach Holling (2006) zeigen gemäß der Theorie der Panarchie hochadaptive komplexe Systeme drei wichtige Eigenschaften:

  1. Hohe Diversität der verschiedenen Elemente und Bausteine eines Systems. Oder anders formuliert: eine bunte Mischung von Meinungen, Denkmustern, Arbeitsweisen, Fähigkeiten,…
  2. Entscheidungen werden nicht zentral getroffen, sondern fallen an allen denkbaren Stellen des Systems. Damit sind Autonomie, Dezentralität,  und Unabhängigkeit, bzw. ist Freiraum eine wichtige Voraussetzung.
  3. Eine gewogene Balance zwischen einerseits Stabilität (Sicherheit) und andererseits Instabilität (Entwicklungsraum, Kreativität, Nischen,…), um Evolution zuzulassen.

Wenn es in Unternehmen darum geht, die Transformation von Alt nach Neu zu realisieren, dann haben wir hier Ansatzpunkte gefunden: dezentral organisieren in u.a. selbststeuerende Teams und bewusst integrieren der verschiedenen Talente von Mitarbeitern, Verantwortlichkeit und damit auch Entscheidungsfreiheit auf alle Niveaus zurückbringen und drittens: den Wandel und damit Innovation zu einem durchgehenden und allgegenwärtigen Thema in Unternehmen machen. Gerade das ist eine der primären Managementaufgaben.

Aber auch auf der negativen Seite befindet sich noch ein ganz wichtiger Lerneffekt. Wir haben uns in den Unternehmen im Laufe der Jahre so „schlank und lean“ gemacht, den scheinbar überflüssigen Speck abgeschnitten, sodass auch nicht mehr viel Fleisch auf den Knochen sitzt. Reorganisationen führen meist dazu, die Organisation auf das scheinbar wesentliche zu beschränken. Damit entnehmen wir uns jedoch auch jegliche Flexibilität, um auf externe Störungen,  oder auf neue Herausforderungen angemessen reagieren zu können. Die so wichtige Veränderungsfähigkeit wird im Kern untergraben.

Dazu kommt sehr oft noch die Beschränktheit der Organisation (der Menschen und Prozesse / Strukturen), Veränderung aus sich selbst heraus zu gestalten (Raupe > Schmetterling). So bleibt in solchen Fällen nur noch die Option, auf der „grünen Wiese“ völlig neu zu beginnen (Ameisen).